Ein Mem geht um im Internetdienst Twitter: #hevelingfacts [1]. Der nicht eingeweihte Betrachter kann das vielleicht überlesen, da es kaum ein Wort ist, das man schon einmal gehört hat - aber es tauchte heute immer und immer wieder in Twitter auf und das macht dann ja schon neugierig, was sich denn dahinter verbirgt.
Montag, 30. Januar 2012
#hevelingfacts - Einblicke in die digitale Kluft
Hinter dieser ganzen Geschichte steht ein Name: Ansgar Heveling. Wenn Ihnen dieser nichts sagt, dann geht es Ihnen genauso wie mir bis vor kurzem. Deshalb kurz die Fakten: Ansgar Heveling ist Mitglied des Deutschen Bundestages aus Neuss in Nordrhein-Westfalen, allerdings ist er bisher nicht so recht in das Licht der Öffentlichkeit gerückt.
Aber genau dies ist ihm heute mit der Veröffentlichung seines Gastbeitrages im Handelsblatt “Netzgemeinde, Ihr werdet den Kampf verlieren” gelungen. Daß solche eine Kampfansage von der “Netzgemeinde” nicht unebeantwortet bleibt, davon geben die #hevelingfacts beredtes Zeugnis ab.
Sie markieren das, was im englischsprachigen Umfeld als “Shitstorm” bezeichnet wird - die Übersetzung spare ich mir an dieser Stelle. Kreativ, lustig, zum Glück selten offen beleidigend werden unter diesem Mem “Fakten” zusammengetragen, die die Fehlbarkeit des Artikels von Herrn Heveling demonstrieren sollen.
So schreibt zum Beispiel @tarzun:
Ansgar Heveling ist in Eile, er muss das Drei-Uhr-Drehflügelflugzeug nach Belgisch-Kongo erreichen. #hevelingfacts
— Klaus Peukert (@tarzun) Januar 30, 2012
Oder @LaviniaSt:
Da sucht wohl jemand die Türe von diesem rechtsfreien Raum. #hevelingfacts
— Lavinia Steiner (@LaviniaSt) Januar 30, 2012
Doch worum geht es in dem Artikel überhaupt, daß er so große Aufmerksamkeit verdient? Er ist provokant und prophezeit in der Quintessenz den Untergang eben nicht des Abendlandes, sondern im Gegenteil, es geht um den Untergang der Netzkultur, des “Web 2.0”, das derzeit ja in aller Munde ist.
Damit hat er vermutlich an sich gar nicht einmal so sehr unrecht, da sich natürlich auch das Netz, wie alles in unserem bekannten Universum, weiterentwickelt und daher “Web 2.0” vielleicht eine Momentaufnahme darstellt, die aber über kurz oder lang Veränderungen unterworfen sein wird.
Was den Artikel so bedenklich macht, steht er doch einer großen Leserschaft zur Verfügung, sind die unreflektierten, fast reaktionären Ansichten, die Herr Leveling äußert. Ginge es nach ihm, wäre “geistiges Eigentum” in der Französischen Revolution 1789 erfunden worden und seitdem in Stein gemeißelt. Die Chancen, die das Internet bietet, um Wissensbarrieren aufzulösen, opfert er zugunsten der völlig veralteten Ansicht, etwas immaterielles wie “Wissen” könne man “besitzen”.
Natürlich kann man die Bedenken, die viele Menschen gegenüber dem Internet haben, ebensowenig einfach bedenkenlos beiseite wischen. Wer kreativ etwas herstellt, etwas erfindet, komponiert, malt, …, der darf natürlich den Wunsch haben, daß er für sein Werk eine Gegenleistung erhält, wenn er es veröffentlicht. Aber der Kern der Sache ist: nicht durch das Verbot des Kopierens kommt man zu einem Konsens sondern durch Anpassung der Vorstellung von “geistigem Eigentum” an die neuen Gegegebenheiten. Das klingt vielleicht nach Revolution, ist aber, ganz nüchtern betrachtet, eigentlich ganz normale Evolution, Weiterentwicklung.
Vielen Menschen, die das Internet nicht als “Fremdkörper” sehen, sondern es einfach als Teil ihres Lebens betrachten, ist das völlig klar, deshalb ließ die oft bewährte Reaktion “don’t feed the troll” (den Troll nicht füttern) nicht lange auf sich warten - aber dieser Ansatz ist im Grunde falsch, weil er das drunterliegende Problem ignoriert.
Ich weiß nicht, wie Herr Heveling zu seinen Ansichten kommt. Ich mutmaße, daß ihm das Internet fremd ist, vielleicht erscheint es ihm sogar bedrohlich - die angemessene Reaktion hierauf wäre, ihn zu einem Kaffee einzuladen und mit ihm darüber zu reden, warum er dem Internet so ablehnend gegenüber steht.
Er scheint auch nicht sehr versiert im Umgang mit dem Internet zu sein, da bereits die - leider sehr einfach zu erratenden - Zugangsdaten zu seiner privaten Seite im Internet veröffentlicht wurden - was sich einige Zeitgenossen leider dazu genutzt haben, die Seite zu verändern, zum Beispiel, indem Sie dort einen Beitrag veröffentlichten, er wolle sich für den Artikel im Handelsblatt entschuldigen, er sei ein schlechter Mensch und er wolle aus der CDU austreten. Ich habe die Veränderungen selbst gesehen, mittlerweile bekommt man beim Aufruf seiner Seite eine Fehlermeldung und ich hoffe, daß dieser völlig unnötige Spuk bald vorbei ist und unter dem verbucht wird, was er ist: Ein Dumme-Jungen-Streich.
Denn, liebe Spielkinder, auch wenn es noch so verlockend scheint: Das ist nicht der richtige Weg, mit so etwas umzugehen. Ihn anrufen, ihn auf die prekäre Lage hinweisen, ihm Hilfe anbieten - das wären adäquate Reaktionen gewesen. Am besten, ohne das Ganze noch in der Öffentlichkeit breitzutreten. So erreicht Ihr nur eins: seine Vorurteile gegenüber Euch “Vertretern” der Netzgemeinde werden gefestig. Bravo, der Applaus für diese gelungene Aktion ist Euch sicher. (Wer die Ironie überlesen hat, dem sei es nochmal explizit gesagt)
Auch der Shitstorm ist nicht gerade produktiv - aber im Vergleich zu der Attacke auf die Webseite harmlos und bisweilen sogar lustig. Einige sehr kreative Tweets wurden da verbreitet, wer mehr lesen will, suche nach dem Hashtag “#hevelingfacts” auf Twitter
Das tieferliegende Problem, das dieser Beitrag aufwirft, ist aber ein ganz anderes. Es zeigt, wie fremd Menschen wie Herrn Heveling das Internet scheinbar immer noch ist. Daß er damit nicht allein ist, speziell auch in seinem Mißtrauen der Piratenpartei gegenüber, zeigt eine Umfrage, die ich neulich im Fernsehen gesehen habe: dieser zufolge (ich habe leider die Quelle schon vergessen) halten nur 17% der Befragten die Piraten für vertrauenswürdig. Das ist besonders deshalb schlimm, weil in eben dieser Partei derzeit die größte Netzkompetenz aller politischen Parteien vertreten ist.
Denn ohne diese anderen 83%, die die Piratenpartei nicht für vertrauenswürdig halten geht es nicht, kann keine Politik für die Nutzung des Netztes zum Wohle aller gemacht werden - vielleicht war auch genau das die Mehrheit, die Herr Leveling in seinem Artikel beschwor. Die Piratenpartei tut wohl daran, diese 83% nicht zu ignorieren, sondern mit viel Geduld immer und immer wieder die Vorzüge, die das Internet bietet und auch in Zukunft bieten kann vorzustellen, zu bewerben, vorzuleben, um immer mehr Menschen von den Chancen, die das Netz bietet, zu überzeugen.
Eine dabei leicht übersehene Gefahr ist dabei die, die Leichtigkeit, mit der wir “Internauten” das Internet in unser tägliches Leben integrieren, unreflektiert bei allen anderen vorauszusetzen. Wenn wir mit Begriffen wie “Twitter”, “Mem”, “Hashtag”, “Shitstorm” undsoweiterundsofort um uns werfen, setzen wir die, die das Internet nicht so gut kennen, der Gefahr aus, den Anschluß zu verlieren. Wir bauen “Herrenwissen” auf, eben das, was wir eigentlich mit dem freien Zuganz zu Wissen ja abschaffen wollen. Daß die Nutzung dieses Zuganges auch Wissen voraussetzt, das übersehen wir nämlich bisweilen.
Stephan Urbach hat das auf der neulich im Museum für Kommunikation stattgefunden habenden UserCon 2012 bereits angedeutet, daß dieses “Herrenwissen”, daß die Netzgemeinde derzeit noch relativ exklusiv besitzt, unbedingt gestreut werden muß. Im Netz liegt die Zukunft und auch, wenn ich seinem Artikel nicht zu 100% folgen möchte, sehe ich doch darin einige sehr wichtige Eckpunkte: die Netzkultur wird sich nicht so einfach, wie Herr Heveling das vorstellt, wieder wegnehmen lassen. Die Welt verändert sich und die Netzkultur ist ein integraler Bestandteil des Lebens vieler Menschen geworden. Sie ist aber keine Bedrohung des althergebrachten, sondern eine Ergänzung.
[1] Eine kurze Erklärung für diejenigen, die mit dem Begriff “mem” oder der eigenwilligen Schreibweise nichts anfangen können: Wenn man den Dienst Twitter benutzt, kann man beliebige Worte markieren, indem man ihnen das Doppelkreuz (englisch: Hashtag) voranstellt: aus “hevelingfacts” wird “#hevelingfacts”. Nach diesen markierten Begriffen kann Twitter besonders leicht suchen und die Benutzer können so leicht Beiträge finden, die zu dem mit diesem Begriff markierten Thema finden. Manch solche Begriffe entwickeln sich zu einem Mem, das über Stunden, manchmal Tage sehr oft wiederholt wird.
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Die Pressemitteilung der Piratenpartei Zur Causa Heveling gestern hat mich doch immerhin so enttäuscht, daß ich dazu einen Kommentar auf der Webseite hinterlassen habe. Dieser harrt zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch seiner Freischaltung durch einen Adminis
Aufgenommen: Jan 31, 09:48